Ein etwas anderer Valentinsabend

Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts

Vergangenen Dienstag besuchten wir, der Leistungskurs Geschichte des 12. Jahrgangs, den äußerst interessanten Vortrag „Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts“ im Haus der Wissenschaft. Als Referentin wurde uns die Professorin Dr. Claudia Theune vorgestellt. Sie ist Dekanin an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät in Wien, korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts und in zahlreichen weiteren Verbänden.

Prof. Dr. Claudia Theune forscht zur Archäologie der Völkerwanderungszeit bis in die Zeitgeschichte. Ein Schwerpunkt der letzten Jahre liegt in der zeitgeschichtlichen Archäologie, der archäologischen Erforschung ehemaliger Konzentrationslager in Österreich und Deutschland. Dazu gehört die Erörterung der Alltagsgeschichte und der Erinnerungskultur an Orten des nationalsozialistischen Terrors.

Den Denkanstoß zur Forschung nach Konzentrationslagern der NS- Zeit bekam Prof. Dr. Claudia Theune von Richard Weizsäcker, dem ehemaligen, regierenden Bürgermeister und deutschem Bundespräsidenten (1984-94). Dieser forderte in seiner Regierungsrede zu einem gemeinsamen Erinnern der Opfer der NS- Zeit auf.

Unser Tutor Herr Werner schlug vor, den Vortrag zu besuchen, da die Thematik perfekt in das aktuelle Halbjahresthema „Erinnerungskultur“ passt. Die archäologischen Forschungen tragen zu Aufklärungen von Verbrechen bei und dienen der Aufarbeitung der Geschichte. Prof. Dr. Claudia Theune nannte in ihrem Vortrag mehrere Konzentrationslager, deren Ausgrabungsgeschichte sie näher erläuterte. Zuerst gab Prof. Dr. Claudia Theune einige historische Angaben. Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es insgesamt 40.000 Lager in Europa. 25 Hauptkonzentrationslager, 3.200 Nebenlager, 5.000 Kriegsgefangenenlager, sowie 20.000 Zwangsarbeitslager. Durch diese Zahlen wurde uns Zuhörern bewusst, was für ein Ausmaß die NS-Zeit hatte. Nach diesen schockierenden Zahlen sprach Prof. Dr. Claudia Theune davon, dass es eine große Herausforderung wäre die Standorte der Konzentrationslager zu finden, da die meisten nicht mehr erkennbar oder überwuchert sind.Ihre Aufgabe besteht darin diese Konzentrationslager zu finden und sie dann anschließend freizulegen, damit Gedenkstätten entstehen können. Es werden meistens Ruinen vorgefunden, anhand derer es schwer ist das Lager zu rekonstruieren. Als ein Beispiel dafür nannte sie das Konzentrationslager Mauthausen. Hier stelle sie sich mit ihren Kollegen zu erst die Frage, was überhaupt noch übrig geblieben ist. Des weiteren konnte man durch penibelste archäologische Arbeit feststellen, dass das KZ Mauthausen, ein Zeltlager gewesen sein muss. Diese Vermutung konnte schnell bewiesen werden, da man am Boden noch Drainagen erkennen konnten, mit denen die Häftlinge versucht hatten das Wasser aus ihren Zelten rauszuhalten, da die Zelte ohne Boden waren. Ihr derzeitiges Projekt beschäftigt sich mit dem Konzentrationslager Sachsenhausen, bei dem sie mit ihren Kollegen einen großen Appellplatz freilegen konnte. Was viele Menschen nicht wissen ist, dass es nicht nur Konzentrationslager gab, indem die Menschen elendig sterben mussten, sondern, dass es zu all dem Leid noch einen weiteren Punkt in den Konzentrationslagern gab und zwar die Lagerbordelle. Einige von diesen konnte Prof. Dr. Claudia Theune wiederfinden und berichtet, dass diese Räume im Vergleich zu den restlichen Baracken der Konzentrationslager besonders „schön“ gemacht wurden um eine intime Atmosphäre zu erschaffen. In diesen Bordellen wurden in den meisten Fällen jüdische Frauen von jüdischen, höher gestellten, männlichen Häftlingen vergewaltigt. An den Türen der jeweiligen Zimmer, befanden sich Sichtluken, sodass eine ständige Kontrolle von außen, durch Wärter möglich war. Prof. Dr. Theune sagte dazu, dass diese Bordelle meistens in Stillschweigen gehüllt werden und die jüngere Generation demnach von diesen nichts weiß. Neben den 25 Hauptlagern entdeckte Prof. Dr. Claudia Theune ebenfalls Nebenlager wie z.B ein Konzentrationslager im Ruhrgebiet in Witten- Annen, an der polnischen Ostgrenze in Sobibör, in der Nähe von Bremen und in Hamburg- Neuengamme.

Einen wichtigen Punkt, den Prof. Dr. Claudia Theune nannte war, dass Archäologen auf Quellen und Funde angewiesen sind. Durch diese Funde erhält man ihrer Meinung nach erstmals ein Bild davon, wie es zu der NS-Zeit gewesen sein muss. Auch Zeitzeugen ermöglichen diese Einblicke, da diese aber zunehmend sterben gibt es nur noch die Quellen.

Diese Aussage folgte bei dem Vortrag zu einem guten Übergang zu den vielzähligen Funden, die sie während ihrer Arbeit entdeckte. Dabei nannte sie zum einen natürlich die Ausgrabungen der Konzentrationslager, Krematorien, Zwangsarbeitslager, Appellplätze und Euthanasieanstalten (z.B in Hartheim). sowie den Stacheldraht, der immer präsent ist. Des weiteren werden aber auch immer wieder Skelette, Haare und Zähne gefunden. „Bei diesen Funden bildet sich oftmals ein Kloß in meinem Hals und ich muss die Ausgrabungsstätte für ein paar Minuten verlassen, um meine Trauer und mein Mitgefühl zu überwinden, damit ich gute Arbeit leisten kann.“ so Prof. Dr. Claudia Theune. Zu häufigen Funden zählen z.B die Asche, die es zuhauf gibt, aber auch selbstgebautes Besteck von den Häftlingen, damit diese überhaupt Nahrung zu sich nehmen konnten, da es einen Mangel an Besteck in Konzentrationslagern gab. Ebenfalls werden Bilder, zensierte Briefe, Häftlingszeichnungen, gefälschte Totenbücher, Kämme und personalisierte Gegenstände von Häftlingen gefunden, da die Häftlinge wieder eine Person sein wollten und nicht nur als eine Nummer gesehen werden wollten.

Prof. Dr. Claudia Theune arbeitet aber auch aus einem ethischen Aspekt an den Konzentrationslagern. Sie meint, dass wir eine gewisse Verantwortung den ermordeten und gequälten Menschen gegenüber haben, deshalb werden die Skelette nach der Ausgrabung würdig begraben. Hierzu werden auch Zeremonien veranstaltet, sodass die Toten noch einen würdigen Tod erfahren. Durch diese Auffassung erhält Prof. Dr. Claudia Theune nicht nur Zuspruch, sondern auch Kritik. Viele sind der Meinung, dass man sich nicht mehr mit solchen Grausamkeiten beschäftigen sollte und das die NS-Zeit mit all ihren Taten ruhen sollte und keine Wunden erneut aufgerissen werden sollen. Außerdem sind einige der Meinung, dass durch diese Ausgrabungen die Totenruhe der Leichen gestört werde, dies wäre auch in einer religiösen Gesetzgebung niedergeschrieben.

Am Ende des Vortrages war ihr Fazit, dass wir uns alle mit dieser NS-Zeit beschäftigen müssen, demnach auch mit den Taten. Wir dürfen nicht nach dem Motto leben, dies ist nicht unsere Generation und mich betrifft es eigentlich auch nicht. Jeder sollte eigentlich versuchen auf diese Zeit aufmerksam zu machen, damit solche Grausamkeiten nie wieder auf der Welt geschehen.

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